Kilometerlange Warteschlangen, überfordertes Flughafenpersonal, gestresste Fluggäste – mit Beginn der Ferienzeit häufen sich die Meldungen, dass es an deutschen Flughäfen immer wieder zu langen Wartezeiten und teils chaotischen Zuständen kommt. Aber deshalb auf die lange gebuchte und noch viel länger ersehnte Flugreise verzichten?

„Die Lage an den Flughäfen ist derzeit sicher nicht optimal. Reisende sollten definitiv mehr Zeit einplanen, als sie von vor Pandemiezeiten gewohnt waren“, sagt Reiseexperte Maik Gruba. Der Director International Markets & Flights bei itravel kennt die Probleme, mit denen Urlauber an den deutschen Flughäfen seit Beginn der Sommersaison konfrontiert sind: „Es ist wichtig, dass sich Reisende vorab und intensiver als sonst über die Situation am jeweiligen Flughafen informieren“, so Gruber. Sein Tipp: „Seien Sie am besten drei Stunden vor Abflug am Check-in-Schalter, und informieren Sie sich unbedingt über die jeweilige Homepage der Fluggesellschaften – oder besser noch die App der entsprechenden Airline. Durch automatisierte Prozesse kommen hier die Informationen über geplante Flugänderungen oder -stornierungen am schnellsten an.“

Ein Mann mit einem Smartphone am Flughafen.

Corona und Streiks verschärfen die Lage am Boden

Aber was sind die Ursachen für die Missstände, unter denen Reiseanbieter wie Urlauber gleichermaßen leiden? Mit Beginn der Pandemie hat die Flugbranche verstärkt mit Personalmangel zu kämpfen. Vor allem beim Kabinen- und Sicherheitspersonal haben Mitarbeiter gekündigt oder fallen krankheitsbedingt aus. So kommt es – nicht nur an deutschen Flughäfen – immer wieder zu Engpässen. Zudem haben einige Fluggesellschaften für die Ferienzeit Streiks angekündigt – dieser Umstand dürfte die angespannte Lage an den Flughäfen noch einmal verschärfen. Vor allem an den beiden größten Flughäfen in NRW – Düsseldorf sowie Köln/Bonn – berichten Reisende von teils chaotischen Zuständen. „Über alle Standorte hinweg fehlen den Dienstleistern, die an der Abfertigung der Passagiere beteiligt sind, rund 20 Prozent Bodenpersonal im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit“, sagte Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, gegenüber dem WDR. Dieser Umstand dürfte gerade zur Hauptreisezeit in den Sommerferien für weitere Engpässe an den großen deutschen Flughäfen sorgen. Im Fall der Fälle sollten sich betroffene Passagiere nach der Rückkehr aus dem Urlaub über mögliche Entschädigungen informieren.

Probleme erkannt, neues Personal in Sicht

Kürzlich berichtete das Bundesverkehrsministerium: „Derzeit fehlen nach Angaben der Flugverkehrswirtschaft in allen Bereichen rund 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ Die Flughafenbetriebsräte gehen sogar von mehr als doppelt so hohen Zahlen aus. Um Abhilfe für die derzeitigen Personalengpässe bei der Abfertigung der Passagiere zu schaffen, setzt die Bundesregierung auf den kurzfristigen Einsatz ausländischer Kräfte. „Wir ermöglichen, dass die Unternehmen Hilfskräfte aus dem Ausland, vor allem aus der Türkei, einsetzen können“, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faser vor Kurzem in Berlin. Nach dem Willen der Bundesregierung sollten diese Hilfskräfte bereits im Juli eingesetzt werden können. Dafür müssten staatlicherseits „schnell und befristet Voraussetzungen mit Einreise- und Aufenthaltserlaubnissen geschaffen werden“. Dann sollte sich an den betroffenen deutschen Standorten beim Bodenpersonal schon bald etwas zum Besseren wenden.

Reisende warten während des Flughafen-Chaos in einer langen Schlange.

Auch die Airlines arbeiten mit Hochdruck an Lösungen

Bei einigen Fluggesellschaften sieht die Personallage teilweise nicht viel besser aus: Immer wieder können Flieger nicht pünktlich abheben oder müssen ganz am Boden bleiben, weil es am nötigen Kabinen-personal mangelt. Die Gründe hierfür sind vielfältig. So haben einige Airlines noch immer mit den Folgen einer regelrechten Kündigungswelle seit Pandemiebeginn zu kämpfen – zudem fallen Crew-Mitglieder immer wieder kurzfristig krankheitsbedingt aus. Das alles sorgt dafür, dass die Personaldecke vielerorts ausgedünnt ist. Aber auch die Airlines leiden unter den Engpässen beim Bodenpersonal – und das europaweit. Aufgrund von Personalproblemen können beispielsweise in Schiphol (Amsterdam) im Juli und August nur eine beschränkte Anzahl von Passagieren die Flugzeuge besteigen. Die maximale Anzahl variiert dabei von Tag zu Tag. Um innerhalb dieses Limits zu bleiben, müssen die Fluggesellschaften den Ticketverkauf einschränken und sogar einige Flüge streichen. Das trifft auch die KLM.

„Durch die Ergreifung solcher Maßnahmen geht KLM davon aus, dass wir innerhalb der vereinbarten Anzahl von Boarding-Passagieren bleiben werden, sodass wir unseren Kunden trotz der anhaltenden operativen Herausforderungen bei Schiphol Klarheit verschaffen können“, schreibt die Fluggesellschaft auf ihrer Homepage. „Zum Beispiel müssen sich Passagiere, die bereits gebucht haben, keine Sorgen machen, ob ihre Reise stattfinden wird.“ Eine gute Nachricht für alle Reisenden, die ihre Flüge über KLM gebucht haben.

Eigeninitiative ist gefragt

Aber auch der oder die Reisende selbst ist in diesen Zeiten gefordert: Durch gute Planung und ein gewisses Maß an Eigeninitiative lassen sich viele Probleme bereits im Vorfeld erahnen – und können entsprechend in die Überlegungen vor Reiseantritt einfließen. Die Tipps rund ums Fliegen sind vielfältig. So empfiehlt es sich in jedem Fall, die jeweilige App der gebuchten Fluggesellschaft herunterzuladen. Auf diese Art sind Sie bereits im Vorfeld über geplante Verspätungen oder Absagen im Bilde. Auch ein kostenpflichtiger Priority-Check-in kann lästige Wartezeiten verkürzen – was gut für die Nerven ist. Was Sie beim Abflug sonst noch beachten sollten, damit Sie einen möglichst entspannten Abflug auch in stressigen Zeiten erleben, hat der Vielflieger-Blogger und ehemalige Airline- und Luftfahrtexperte Markus Pierstorf in wichtigen Praxistipps für Sie zusammengestellt.

Ein Mann wird vom Sicherheitspersonal am Flughafen überprüft.

Die Top-5-Tipps eines Vielfliegers

1) Gut geplant ist halb gewonnen
Bei der aktuellen Lage an den Flughäfen möchte man auf alle zusätzlichen Verzögerungen und Stressfaktoren verzichten. Ein Umherirren auf der Suche nach dem Weg vom Bahnhof zum richtigen Terminal oder nach dem korrekten Abflugbereich lässt sich leicht vermeiden. Tipp für Menschen, die selten fliegen und sich entsprechend nicht so gut am Airport auskennen: Auf den Webseiten der großen Flughäfen findet man stets eine Übersichtskarte. Verschaffen Sie sich schon vorher einen Überblick, wo Sie hinmüssen!

2) Der frühe Vogel ist entspannter
Passagiere sollten ausreichend Zeit einplanen und etwaige Verzögerungen einkalkulieren. Gerade auch bei der Anreise mit der Bahn empfiehlt sich derzeit ein zusätzlicher Zeitpuffer, da hier die Auslastung in Ferienzeiten ebenfalls hoch ist. Aber auch zusätzliche externe Aspekte sollten bedacht werden, zum Beispiel, wenn man zur Rushhour am Freitagnachmittag reist, wenn ohnehin schon viele Pendler auf Straßen und Schienen unterwegs sind.

3) Eigeninitiative entlastet
Die langen Warteschlangen an den Schaltern zum Check-in und zur Gepäckaufgabe lassen sich umgehen, indem Reisende diese Schritte möglichst selbst übernehmen: Nutzen Sie den Online-Check-in vorab oder die Check-in-Automaten vor Ort! Auch die Gepäckaufgabe lässt sich im Terminal mithilfe der Self-Bag-Drop-Stationen selbst in die Hand nehmen, ebenso wie die Passkontrolle durch Self-Scanner, wenn man in ein Land außerhalb des Schengenraums fliegt. An diesen Punkten stehen auch Flughafenmitarbeiter bereit, um Sie zu unterstützen.

4) Gute Vorbereitung – auch beim Gepäck
Die Warteschlangen an der Sicherheitskontrolle sind derzeit ein weiterer Faktor, der viel Zeit und Nerven kostet. Wer sich und sein Handgepäck entsprechend vorbereitet, kommt schneller durch: So sollten zum Beispiel der Plastikbeutel mit den Flüssigkeiten und jegliche Elektronik schon griffbereit sein. Die Wartezeit in der Schlange lässt sich auch nutzen, um beispielsweise schon mal den Gürtel auszuziehen oder die Hosentaschen zu leeren.

5) Kostenfrei mit Wasser versorgen
Getränke darf man zwar nicht mit durch die Sicherheitskontrolle in den Abflugbereich nehmen, eine leere Trinkflasche aber schon! Diese können Passagiere dann an den Waschbecken oder speziellen Trinkwassertanks immer wieder auffüllen. Selbst wenn sich das Boarding verzögert, bleibt man so beim Warten am Gate weiterhin hydriert, ohne noch zusätzliches Geld für ein Getränk am Kiosk ausgeben zu müssen. Wenn Sie diese Tipps beherzigen – und einen großzügigen Zeitpuffer einplanen –, steht einem entspannten Abflug in die schönste Zeit des Jahres hoffentlich nichts mehr im Wege.

Autor: Jan Brockhausen

Letzte Aktualisierung: 1. Juli 2022