Wo Palmen gemächlich im Karibikwind schwingen, Trommelrhythmen den Herzschlag der Welt nachahmen und ein allgegenwärtiges “No problem” durch den Alltag tanzt – das ist Jamaika! Die Insel im Herzen der Karibik beweist mit seinen Ökosystemen von feinen Sandbänken über mystische Nebelwälder bis hin zu erhabenen Bergwelten ihre landschaftliche Vielfalt – die sich in Jamaikas kulturellem Reichtum spielend fortsetzt. Die ethnische Mischung erfüllt die jamaikanische Bevölkerung mit großem Stolz und findet ihre Ausdrücke in einer Kultur, die einer Umarmung verschiedenster Nationen und geschichtlicher Ereignisse gleichkommt. Ob beim Reggae-Festival, am Strand unter Palmen oder beim “Jammen” auf der Straße – sich den Reggae-Vibes zu entziehen, ist so unmöglich wie nach einem Urlaub in Jamaika nicht voller Sonne im Herzen in die Heimat zurückzukehren. Doch was macht die Reggae-Kultur eigentlich so besonders? Und wo können Urlaubende ihr am besten gewahr werden?

Reggae-Musik als immaterielles Weltkulturerbe

Sie wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe ausgezeichnet, ist Botschafter wichtiger Lebensfragen und aus Jamaikas Kultur nicht mehr wegzudenken: Die Reggae-Musik vermittelt ein ganzes Lebensgefühl und gehört zu Jamaikas Kultur wie Dreadlocks zur Rastafari-Religion. Die typischen Rhythmen scheinen sich an der Unbeschwertheit und Lebensfreude der Jamaikaner ein Beispiel genommen zu haben: Spielend ziehen sie ihre Zuhörer in den Bann der Gegenwärtigkeit, geben zur gleichen Zeit aber Einblicke in die bewegte Vergangenheit des Landes. Besonders die Fragen der Ungerechtigkeit, des Widerstandes, der Liebe und der Menschlichkeit waren es, die die Kommission der UNESCO überzeugten, als sie Reggae zum immateriellen Weltkulturerbe kürte. Die sich in den Sechziger Jahren aus dem Soul, R&B und Country sowie den jamaikanischen Genres Mento und Ska entwickelte Musikrichtung könnte die karibische Insel nicht besser spiegeln. Denn Reggae-Musik ist für ihre entspannende Wirkung bekannt – doch wer hinter die Kulissen schaut, wer an den sorglosen Klängen vorbei lugt, dem eröffnet sich die Geschichte eines Landes, das unter Themen der Unterdrückung, Unrecht der Kolonialzeit und sozialer Ungleichheit litt – und den Kampf mithilfe des Bewusstseins über die gewaltige Kraft der Musik singend aufnahm.

Ein Reggae-Musiker in Jamaika mit einer Gitarre.

Die Ursprünge des Reggae

Die afrikanischen Volksgruppen, die einst als Sklaven nach Jamaika verschleppt wurden, ließen zwar viel in ihrem alten Leben zurück, aber sie brachten auch so einiges mit: Neue Rhythmen, Lieder und Rituale besiedelten die Insel fortan. Vermengt mit den typischen Trommelrhythmen der Rastafari entstand so mit der Zeit die erste jamaikanische Musikform: der Mento. Als eine Mischung aus folkloristischen Tänzen und Musik mit Texten, die ganz der afrikanischen Tradition nach von Einfachheit geprägt waren, erzählten die Lieder auf witzige Weise von Klatsch und Tratsch. Dass sich die Lyrics in ihrer Relevanz einmal um 180 drehen würden, das ahnte noch niemand. Denn als Jamaika im Jahr 1962 Unabhängigkeit von Großbritannien feierte, prägte zunächst einmal die Euphorie die Karibikinsel, aus der die fröhliche Musikrichtung des Skas entstand. Schnell merkten die Jamaikaner aber: An Armut und Ungerechtigkeit im Land änderte sich nichts. Was sich dagegen veränderte – und das aus einer großen Enttäuschung heraus – war die Musik. So gewann der Rocksteady an Beliebtheit, der dem bis dahin vorherrschenden Ska eine langsamere Musikrichtung entgegensetzte – und schließlich in den typisch gedehnten Reggae-Sounds mündete. Ein Vorteil des Reggae war: Man konnte zu ihm besonders gut tanzen. Dabei passten die Themen der typischen Reggae-Songs eigentlich kaum zum freudigen Hüftschwingen, denn sie kreisten in den meisten Fällen um Kritik am westlichen politischen System oder die Forderung nach Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung. „Babylon ist ein Vampir, der unsere Kinder aussaugt, Babylon ist ein Vampir, der das Blut der Unterdrückten säuft”, heißt es beispielsweise in einem Song von Bob Marley, der den Begriff “Babylon System” in seinen Liedern als das Symbol jener Unterdrückung nennt.

Eine "One Love"-Flagge in Jamaika.

Auf den Spuren Bob Marleys

Es gibt wohl niemanden, der die Reggae-Musik geprägt hat wie Bob Marley. Mit seinen berühmten Hits “I Shot the Sheriff”, “No Woman, No Cry” oder “Jamming” erlangte die Ikone weltweite Aufmerksamkeit und trug wohl wie kein Zweiter zur globalen Bekanntheit des Reggae bei. Schon während seiner Schulzeit musizierte der 1945 geborene Robert Nesta Marley. Als er mit 16 Jahren in die Hauptstadt Kingston zog und dort mit Gewalt und Hoffnungslosigkeit konfrontiert wurde, blieb ihm die Musik als einziger Ausweg. Obwohl Bob Marley auf Wunsch seiner Mutter den Beruf des Mechanikers ergriff, verließ ihn seine Leidenschaft nie: 1964 gründete er gemeinsam mit seinen Freunden Bunny Livingstone und Peter Tosh die “Wailing Wailers”. Zunächst produzierte die Band tanzbaren Ska, doch schon bald fanden Einflüsse afrikanisch geprägter jamaikanischer Volksmusik in die nun auch von einem verlangsamten Beat beherrschten Stücke. Die Band wurde mit so großem Erfolg belohnt, dass Marley sich sogar ein Auto und die Renovierung des Hauses leisten konnte. Dass sie schließlich zerbrach, legte Bob Marleys Karriere jedoch keine Steine in den Weg – nicht ganz unschuldig daran waren wohl seine musikalischen Botschaften, die er als Solokünstler vertrat und immer Menschenrechte, Nächstenliebe und Freiheit zum Thema hatten.

Und auch, wenn der weltbekannte Musiker bereits mit 36 Jahren einer Krebserkrankung erlag: Sterben wird das, was Bob Marley einst singend in die Welt trug, wohl nie – und auch Bob Marley selbst lebt ein Stück weit weiter: Im Bob-Marley-Museum in Kingston erleben Besucher an der Seite eines Guides Führungen durch das noch original erhaltene Schlafzimmer und die Teeküche der weltberühmten Reggae-Ikone – und dürfen sich dabei sogar auf Gesangseinlagen freuen. Wem das nicht genug ist, der kann mit einem Kombi-Ticket auch den sogenannten Tuff Gong ansehen, das Tonstudio, in dem so viele von Bob Marleys Musikstücke ihre Anfänge nahmen. Doch Jamaika hält noch weitere Möglichkeiten bereit, auf den Spuren Bob Marleys zu wandeln: In der Geburtsstätte des Reggae-Weltstars im jamaikanischen Örtchen Nine Miles können Interessierte sogar in das Geburtshaus Bob Marleys eintreten – und staunen oft nicht schlecht, wenn sie plötzlich Bob Marleys einstigem Kinderbett gegenüberstehen. Im selben Örtchen findet sich auch die Ruhestätte des Sängers. Hier wurde Bob Marley in einem Mausoleum begraben, doch das nicht allein: Gitarre und Marihuanazweig begleiteten ihn auf seiner Reise in den Tod. Im Rahmen einer Tour können Interessierte auch den Ort Mount Zion besuchen, in dem Marley oft Inspiration für seine Songs fand.

Wo Besucher Reggae heute erleben können

Mit Reggae wird alles leichter – dieses Motto verfolgt Jamaika-Urlaubende an jeder Straßenecke und tanzt in Gemüter wie Ohrwürmer in die Gehörgänge. In diesem Punkt sind sich wohl alle einig, die schon in den Genuss kamen, die lässige Karibikinsel kennenzulernen: Die Reggae-Sounds können gar nicht anders, als gute Laune zu versprühen. Da verwundert es nicht, dass sich schnell der Wunsch nach mehr einstellt – und diesem kommt Jamaika nach. Wer in die vielseitige Welt der Reggae-Musik eintauchen möchte, dem empfiehlt sich der Besuch des berühmten Reggae Sumfests, dem größten Musikfestival ganz Jamaikas. Seit 1993 warten jedes Jahr Mitte Juli zahlreiche jamaikanische Musiker an der Montego Bay darauf, ihr Publikum in den Bann zu ziehen. Das ursprünglich einmal auf drei Tage ausgelegte Festival hat seine Laufzeit auf eine Woche ausgeweitet und ist neben seinen musikalischen Genüssen auch für seine Beach Parties bekannt. Auch die Bob-Marley-Woche dürfen musikinteressierte Reisende keinesfalls auslassen: Jedes Jahr im Februar, im Geburtsmonat Bob Marleys, verwandelt sich das Bob-Marley-Museum in Kingston in ein wahres Reggae-Paradies: Konzerte, Karaoke-Wettbewerbe, Vorführungen, Vorträge und sogar Modenschauen gedenken hier an einen Mann, der mit seiner Musik einst die Welt veränderte.

Lächelnde Jamaikanerinnen beim Tanzen.

Tanzen als Ausdruck der multikulturellen Seele Jamaikas

Keinen Grund zum Tanzen? Das gibt es auf Jamaika nicht! Gottesdienste, Kulturfestivals, formale oder gesellschaftliche Veranstaltungen – ein Grund, die Hüften zu schwingen, findet sich in Jamaika nahezu immer. Viele traditionelle Tanzstile können die bewegte Kolonialgeschichte Jamaikas nicht verbergen: Denn neben Einflüssen der karibischen Urbevölkerung vereinen sie auch afrikanische Einflüsse einstiger Sklaven sowie Elemente britischer Kolonialherren.

Ein Beispiel für einen solchen ist der sogenannte Bruckins, der heute als fester Bestandteil des Emancipation Day am 1. August an die Abschaffung der Sklaverei erinnert. Hierbei bewegen sich die Tanzenden im Kreis und finden sich dabei immer wieder zu Paaren zusammen. Der Bruckins ähnelt höfischen Schreit- und Reigentänzen aus der frühen Neuzeit. Da jene Schreitbewegungen stark mit den karibisch-afrikanischen rhythmischen Bewegungen der Hüfte kontrastieren, gibt der Tanz zunächst einmal ein ulkiges Bild ab.

Nicht weniger absonderlich sind die sogenannten Jonkonnu, kostümierte Musikgruppen, die zur Weihnachtszeit durch Dörfer und Städte marschieren, auf eine afrikanische Tradition zurückzuführen sind und über die Sklaven ihren Weg nach Jamaika fanden. Bedingt durch die veränderten Lebensumstände der Sklaven prägte sich die Tanzform in Prozessionscharakter auch in Jamaika aus. Zu den wichtigsten Figuren der mit Masken Verkleideten gehörten neben dem Kuh- und Pferdekopf auch der König und die Königin, der Teufel, der “Pitchy Patchy”, die Indianer sowie die schwangere “Belly Woman”. Der “falsche Polizist” hielt die Menge beisammen. Die Tradition des Jonkonnu, der die koloniale Vergangenheit der Karibikinsel in einer Kombination aus Kostüm, Musik und Tanz zur Schau stellt, überlebte nicht bis in die heutige Zeit, doch das alljährliche Jonkonnu-Festival im Dezember erinnert an den alten Brauch und lässt ihn wieder aufleben. Besucher können die schier unendliche Bandbreite der jamaikanischen Tänze bei Kulturfestivals und Wettbewerben bestaunen und auch während des “Nine-Nights-Festivals”, bei welchem dem Leben Verstorbener feierlich gedacht wird, schwingen die Jamaikaner traditionell das Tanzbein, um Trauernde zu ermutigen.

Die Kulinarik Jamaikas – ein Melting-Pot der Kulturen

Ein Fest für die Geschmackssinne – so könnte die Kulinarik Jamaikas beschrieben werden. Ebenso wie die vielfältige jamaikanische Kultur präsentiert sich auch die Kulinarikwelt Jamaikas als kultureller Schmelztopf – und so sind jamaikanische Gerichte neben einer ordentlichen Portion Afrika oft mit indischen oder chinesischen Einflüssen gewürzt und werden von den vielen Obstsorten des Landes geschmacklich abgerundet. Ob gehobenes Restaurant, Tante-Emma-Lädchen, Jerkbude oder Obststand am Straßenrand – in Sachen Kulinarik nimmt sich die lässige Karibikinsel an seinen Gewürzen ein Vorbild und macht seine Besucher scharf.

Die jamaikanische Jerk-Küche

“Jerking” – dieses Wort begegnet Jamaika-Urlaubenden an jeder Ecke des Landes. Die Unsicherheit, um was es sich dabei handelt, hält sich aber oft nicht länger als bis zur ersten Mahlzeit auf der karibischen Insel. Denn das Jerk-Kochen ist in Jamaika ungefähr genauso verbreitet wie die Reggae-Musik. Jerken ist nicht nur eine Art des Würzens, sondern auch eine ganz bestimmte Kochmethode, deren Ursprünge in den entflohenen Sklaven aus dem 17. Jahrhundert wurzeln. Zu dieser Zeit kolonisierten die Briten die Insel und hatten ihre Mühe mit den sogenannten Maroons – entlaufenen Sklaven –, die ins Landesinnere Jamaikas flohen. Um nicht entdeckt zu werden, zur Vorsicht gezwungen, bereiteten diese in den Hügel Jamaikas ihre Speisen über Löchern im Boden mithilfe von Kohlen und Pimentholz vor. Heute ist das Jerken gleichbedeutend mit dem Garen marinierter Speisen in einer Öltonne über offenem Feuer. Von Schweinefleisch über Hähnchen bis hin zum Fisch – gemein haben alle Jerk-Speisen ihre unverwechselbare Würze – und sorgen dank ihres zugleich pikanten als auch tropisch-fruchtigen Aromas für unvergessliche Geschmacksabenteuer. Der Klassiker schlechthin ist und bleibt aber das sogenannte Jerk Chicken. Hier wird das Hähnchen über Nacht mit einer Marinade aus Ingwer, Thymian, Muskat, Salz, Scotch Bonnet Chilis und Piment eingelegt und beschert Genießer-Gaumen eine exotische Geschmacksexplosion. Für alle, die von “spice, food & fun” nicht genug bekommen, ist das Boston Jerk Festival genau das richtige: An zwei Tagen bietet das Festival neben traditionell gewürzten Jerk-Speisen in allen Variationen auch Handwerksstände, Kulturbühnen und – nicht zu vergessen – Reggae-Livemusik – culture at its best!

Jerk Chicken ist ein traditionelles Gericht in Jamaika.

Die jamaikanische Ital-Küche

Unabhängigkeit und Selbstermächtigung strahlen die Jamaikaner nicht nur aus – sie nehmen sie auch zu sich. Wie das gehen soll? Die Anhänger der Rastafari-Religion haben eine einfache Antwort: die Ital-Küche. Diese Ernährungsweise schwört auf lokale pflanzliche Bio-Produkte und zieht diese tierischen und verarbeiteten Nahrungsmitteln vor. Denn die Anhänger der Rastafari-Religion sind sich einig: Kaum etwas geht über Gesundheit und die geistige Verbindung zu Mutter Erde. Gleichzeitig will die Ital-Lebensweise auch ein Zeichen setzen: Der Eigenanbau von Obst, Gemüse und Gewürzen drückt die Unabhängigkeit der Rastas von importierten Lebensmitteln aus. Und so präsentieren Jamaikas Einwohner oft voller Stolz ihre eigenen Gärten, in denen sich von Kürbis über Kochbananen bis hin zur Yamswurzel so einige Schätze finden lassen. Obwohl es keine universelle Interpretation der Ital-Küche gibt, herrscht doch der Grundsatz, dass alle Lebensmittel natürlich und biologisch sowie aus der Erde stammend sein müssen. Einige Rastas meiden sogar den Gebrauch von Salz, wodurch Kräutern und Gewürzen wiederum eine größere Bedeutung zukommt. Auch den Genuss von Alkohol lehnen viele Rastas streng ab. Doch die Ital-Lebensweise geht sogar noch weit über die Lebensmittel hinaus: So verzichten strenge Rastas sogar auf Kochgeschirr aus Metall oder Kunststoff und nutzen Besteck aus Holz oder gar Ton, um ihre Nähe zur Natur auszudrücken.

Blue Mountain Coffee

Er ist der wohl begehrteste Kaffee der Welt – Jamaikas Blue Mountain Coffee. In einer Höhe von 900 bis 1700 Metern wächst das Kulturgut auf einem Anbaugebiet von gerade einmal 6000 Hektar. In den üppig bewaldeten Gebieten sorgen niedrige Temperaturen, Nebel und starke Regenfälle für die langsame Wachstumsgeschwindigkeit der Kaffeekirschen – und die ist dringend erforderlich: Denn sie ist es, die dem berühmten Blue Mountain Kaffee sein ganz besonderes Aroma schenkt. An dem teuren Marktpreis ist dieses allerdings nicht allein Schuld: Auch die geringen Erträge, die Tatsache, dass per Hand gepflückt wird und der Kaffee anschließend in Holzfässer spezialverpackt wird sowie ein aufwändiges Marketing tragen zum Preis von stolzen 100 Dollar per Kilogramm bei. Kaffee- und Kulturliebhaber können auf einer geführten Tour durch die Kaffeeplantagen in den Blue Mountains mehr über die Hintergründe des beliebten Getränks erfahren – etwa, dass Jamaikas florierendes Kaffeegeschäft einem französischen Kolonialherren zu verdanken ist, der im 18. Jahrhundert eine einzige Kaffeepflanze mit in die Karibik brachte.

Die Blue Mountains in Jamaika.

Jamaikanischer Rum

Nicht nur ein Trendgetränk hat seine Ursprünge in Jamaika: Neben dem Kaffee gehört auch der jamaikanische Rum zu den beliebtesten Getränken weltweit. Mit seinem unverwechselbar würzigen Aroma peppt Rum aus Jamaika so manchen Longdrink und Cocktail auf. Zuckerrohr, das schon seit Jahrhunderten in Jamaika wächst, bietet die Grundlage für das Alkoholgetränk. Doch wie genau wird jamaikanischer Rum hergestellt? Nachdem das Zuckerrohr geerntet wurde, wird es zunächst gepresst, sodass sich Zuckersirup bildet. Um den richtigen Geschmack zu erhalten, wird dieser dann mit Wasser verdünnt. Im anschließenden Fermentierungsprozess gärt die Melasse, sodass Mikroorganismen entstehen, die dann den Zucker extrahieren und Alkohol entstehen lassen. Das Erhitzen in einem geschlossenen Behälter veranlasst dann schließlich die Trennung des Alkohols von der übrigen Flüssigkeit. Und woher hat der Rum sein rauchiges Aroma? Hierfür ist die Einlagerung in Holzfässern verantwortlich. Denn der hohe Alkoholgehalt greift das Holz an, wodurch sich das typisch rauchige Aroma ausbildet. Wer das Geheimnis des weltweit geschätzten Jamaika-Rums aufdecken möchte, kommt an einer Führung durch die Appleton-Rumfabrik nicht umhin: Hier tauchen Besucher und Besucherinnen in den Entstehungsprozess des Rums ein und auch die Geschmackssinne werden auf Reise geschickt, denn zehn verschiedene Jamaika-Rum-Liköre warten darauf, genüsslich verköstigt zu werden.

Religion in Jamaika – Ein Paradebeispiel der Diversität

Jamaika bietet nicht nur Stoff für Geschichtsbücher – auch im Guinnessbuch der Rekorde ist das Land zu finden: Denn Jamaika hält den Weltrekord für die größte Anzahl an Kirchen pro Quadratmeter. Nach der Invasion durch die Briten verbreitete sich zunächst das Christentum auf der Karibikinsel – mit über 70% auch heute noch die weitverbreitetste Religion Jamaikas. Während von diesen nur zwei Prozent römisch-katholisch sind, gehört der Großteil protestantischen Konfessionen wie beispielsweise der Church of God, den Siebenten-Tags-Adventisten oder den Baptisten an.

Auch der Glaube der Rastafari, der etwa ein Prozent der Bevölkerung ausmacht, wurzelt im Christentum, besticht aber durch seine stark afrozentrische Ausrichtung. Diese lässt sich ins Jahr 1930 zurückverfolgen, als der Menschenrechtsaktivist Marcus Garvey in der Hauptstadt Kingston Afrika als Ursprung allen menschlichen Lebens predigte und die schwarze Rasse als Gottes auserwähltes Volk bezeichnete. Garvey war es auch, der die Krönung eines afrikanischen Königs voraussagte, der als Messias all dem Leid ein Ende setzen würde – und dieser kam wie gerufen: In Äthiopien ließ sich im Jahr 1930 Prinz Ras Tafari zum Kaiser ernennen. Viele Anhänger Garveys sahen folglich Äthiopien, das nie kolonisiert wurde, als gelobtes Land an. Neben der Erfüllung der Prophezeiung der Rückkehr Jesu in Form des äthiopischen Kaisers, auch Haile Selassie genannt, zieht sich auch die strikte Ablehnung des westlichen Systems, oft als Babylon-System bezeichnet, sowie der Kampf nach Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung durch die Rastafari-Religion. Viele Rastafaris drücken ihre Liebe zur Natur mit dem Tragen von Dreadlocks aus, die an die Mähne des Löwen aus dem Stamme Judah erinnern sollen, und zeigen ihre Nähe zu Gott mithilfe ungestutzter Bärte. Doch die Anhänger der Rastafari empfinden ihren Glauben als viel mehr als nur eine Religion: Ein friedliches Miteinander und die Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind, prägen ihre Lebensweise. Derselbe Respekt kommt aber auch der Natur zu: Die Balance zwischen Mensch und Natur stellt einer der Grundpfeiler der Religion dar und so verwundert es nicht, dass Anhänger der Rastafari sich gegen Umweltzerstörung einsetzen, oft als Selbstversorger leben und Pflanzen und Kräuter als Medizin betrachten.

Jamaikanisches Patois – Eine Sprache mit Stolz

Laute Stimmen, wilde Gesten und lebendige Mimik – so trifft man sich in ihrer Muttersprache unterhaltende Jamaikaner nicht selten an. Und obwohl die Kreolsprache “Patois” aus englischen Wurzeln erwachsen ist, stehen Urlaubende beim Versuch, die Einheimischen zu verstehen, meist erstmal mit hochgezogenen Schultern und ausgestreckten Händen da. Kein Wunder, denn obwohl jede Menge englisches Vokabular in das jamaikanische Patois eingeflossen ist, ist es doch geprägt von westafrikanischer Grammatik, vereinzelt indigener Worte sowie einer Aussprache, die von der britischen nicht weiter abweichen könnte. Die Ursprünge des jamaikanischen Patois stammen aus dem 17. Jahrhundert, als nach Jamaika importierte afrikanische Sklaven die Sprache der britischen Kolonialherren abwandelten und zu ihrer eigenen machten. Einst unter vorgehaltener Hand als Sprache der Ungebildeten bekannt, genoss sie in den Sechzigerjahren einen deutlichen Aufschwung: Plötzlich wurde Patois zum Ausdruck jamaikanischer Identität und immer mehr Einheimische verbanden ihre Sprache mit Stolz und Unabhängigkeit. Nicht unschuldig daran war wohl auch Dichterin, Volkskundlerin und Schauspielerin Lou Bennet – eine der ersten Künstlerinnen, die in den Sechzigerjahren auf Patois schrieb und auftrat. Doch den größten Anteil an der Bekanntheit der jamaikanische Nationalsprache hatte wohl die Musik, die das Jamaika-Kreolisch hinaus in eine Welt trug, die sich von Jamaikas stolzer Unabhängigkeit anstecken ließ.

Autorin: Berit Sellmann
Letzte Aktualisierung: 29. November 2022